Septuaginta II

Wie ist die Qualität der Septuaginta Übersetzung zu bewerten? Ist sie dem hebräischen Text gleichrangig – oder ist im Zweifelsfall die Ursprache heranzuziehen? Zu dieser Frage gab es in der Alten Kirche zwei unterschiedliche Antworten.

»Hebraica veritas«

Auf Hieronymus geht die Auffassung zurück, dass der hebräische Text – den er als hebraica veritas bezeichnete – in jedem Fall vorzuziehen sei. Er litt darunter, dass im westlichen Mittelmeerraum mittlerweile lateinische Übersetzungen der griechischen Übersetzung des hebräischen Textes im Umlauf waren, denn er wusste, dass die Übersetzung einer Übersetzung die Qualität verschlechtern musste. Daher setzte er an die Stelle der alten lateinischen Übersetzung (vetus latina) seine Vulgata, die sich wieder mehr am hebräischen Text orientierte. (Wir werden noch sehen, dass aber auch Hieronymus immer wieder auf die Lesart der LXX Rücksicht nahm).

Doppelte Inspiration?

Augustinus ging davon aus, dass die LXX und der hebräische Text zumindest gleichwertig seien. Sollte es Unterschiede geben (war er nicht überprüfen konnte!) – dann habe Gott die Heilige Schrift eben gleichsam in doppelter Weise offenbart:

»Zur Verbesserung aller lateinischen Übersetzungen benütze man griechische (!), unter denen für das Alte Testament die der siebzig Übersetzer hervorragt. Von ihr erzählt man in alten Kirchen, die es einigermaßen wissen können, ihre Übersetzung sei so sehr durch den Beistand des Heiligen Geistes erfolgt, dass all ihre vielen Übersetzer nur einen Mund hatten. (…) Wenn daher in den hebräischen Bibeln etwas anderes gefunden wird, als die Übersetzer es gegeben haben, so muss man das nach meinem Dafürhalten der göttlichen Ökonomie, die durch diese (Übersetzer) gewirkt hat, zuschreiben.« (Von der christlichen Lehre, II 15,22)

Augustinus sah sich gleichsam genötigt, die Inspiration der Septuaginta zu behaupten, denn die Verfasser der neutestamentlichen Schriften zitieren die hebräische Bibel nur in ihrer griechischen Übersetzung! Und schließlich machte er, von den Argumenten des Hieronymus gegen die Historizität der LXX-Legende nicht unbeeindruckt, gegen dessen Vulgata folgende Rechnung auf:

»Denn auch (…) wenn die siebzig Gelehrten nach Menschenweise den Wortlaut ihrer Übersetzung miteinander verglichen und sich dann über einen endgültigen Text geeinigt hätten, dürfte ihnen kein einzelner Übersetzer vorgezogen werden. (Vom Gottesstaat XVIII, 43)

Fortsetzung

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